Andacht vom Pastor

„… hat Kleider nicht, hat Klumpen an!“

Irgendwie bekannt und doch seltsam fremd wird vielen dieser Text vorkommen. Es handelt sich zugleich um ein Zitat aus einem Kinderlied – und um einen typisch kindlichen „Verhörer“.

Um Sankt Martin geht es in diesem Lied. Bei seinem Ritt durch eine frostige Nacht stößt er auf einen frierenden Bettler. Der römische Soldat und Christ Martin ist im wahrsten Sinn des Wortes „gut betucht“: Er ist in eine große wärmende Decke eingehüllt, die er wie einen Mantel trägt. Der Bettler dagegen hat nur ein paar abgerissene Lumpen. Sie können ihm keine Wärme spenden. Die Frostnacht könnte für ihn lebensgefährlich werden! Sankt Martin sieht die Not und handelt entschlossen: Er teilt seinen Mantel mit dem Schwert und gibt dem Bettler die eine Hälfte. Auch die geteilte Decke ist groß genug, um jedem von ihnen ausreichend Schutz vor der Kälte zu geben!

In ungezählten Kitas und Grundschulen wird diese Legende alljährlich zur Aufführung gebracht. Sie ist der Höhepunkt der Laternenumzüge, die zum Martinstag veranstaltet werden. Was kommt bei Kindern und Erwachsenen von dieser Geschichte an?

„… hat Kleider nicht, hat Klumpen an!“ Dieser Verhörer geht auf die Kita-Zeit meiner Kinder zurück und ist seitdem in unserer Familie nicht mehr auszurotten. Er ist ein witziger Hinweis darauf, dass Kinder diese Geschichte oft nicht recht verstehen. Sie stammt ja auch aus einer ganz anderen Zeit. Aber was für „Klumpen“ haben sie sich wohl vorgestellt? Nasse Erdklumpen? Schnee- oder gar Eisklumpen? Eigentlich bringt der Verhörer die Not des Bettlers sehr drastisch auf den Punkt! Da hat einer nichts, um sich gegen die Kälte zu schützen – denn statt wärmender Kleider hängen ihm schon eisekalte Klumpen am Leibe. Brrr!

In diesem Winter könnte uns die alte Legende sehr viel verständlicher werden. Frieren ist angesagt – selbst in der eigenen Wohnung! Aber es wird uns unterschiedlich treffen. Die einen werden darunter leiden, während die anderen immer noch gut genug betucht sind und sich zu helfen wissen. Schön wäre es, wenn die Geschichte vom Heiligen Martin für uns dann nicht Folklore bleibt. Niemand muss gleich mit der Schere auf seinen Mantel losgehen – aber teilen, das können wir schon! So lassen sich etwa beheizte Räume ganz einfach durch eine Einladung zu Kaffee oder Tee teilen. Man kann sich ja ablösen dabei und so auch die Lasten teilen. Eine kritische Durchsicht der eigenen Garderobe kann dazu führen, dass einige Kleidungsstücke z. B. im Edewechter Kleiderkarussell landen und so anderen zugute kommen. Und wer die Möglichkeit hat, kann sich auch an der Gas- und Stromrechnung von Menschen beteiligen, die sie nicht aus eigenen Kräften bezahlen können. Ich lade dazu ein, gute Ideen auch der Gemeindeleitung mitzuteilen. So können wir umsetzen, was uns schon die Bibel sagt:

Vergesst nicht, Gutes zu tun und mit anderen zu teilen. An solchen Opfern hat Gott Freude! (Hebräer 13,16) Allen Leserinnen und Lesern warme Grüße für die Herbstzeit!

Euer Pastor Rainer Mittwollen

HERZLICHE EINLADUNG

zum Gottesdienst und Kindergottesdienst
an jedem Sonntag um 10:30 Uhr